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"Erst wenn es wirtschaftlich wird, wird es lebendig!"
Interview mit Prof. Dr. Harald Siebenmorgen
Der Leiter des Badischen Landesmuseums Karlsruhe Harald Siebenmorgen versucht seine persönlichen Leitmotive "Damit alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern" (Tommasi de Lampedusa) und "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" (Wolf Biermann) auch in seiner Museumsarbeit in die Tat umzusetzen. Das Haus ist seit 1. Januar 2003 ein so genannter Eigenbetrieb des Landes Württemberg.
raumK:Sie sind seit 1992 Direktor des Badischen Landesmuseums. In diesen knapp dreizehn Jahren hat sich das Museum vom herkömmlichen Museumsbetrieb in einen so genannten Eigenbetrieb gewandelt. Was verstehen Sie darunter und wie kam es dazu? H. S.: Hier geht es eigentlich nur um eine Rechtsform, um eine Betriebsstruktur, die uns intern erheblich die Arbeit erleichtert, doch es ist nichts, was der Besucher in erster Linie auch registriert. Vielleicht mit einem Unterschied - ein so genannter Landesbetrieb kann, weil ihm auch die erwirtschafteten Mittel voll zur Verfügung stehen, auch Betriebe gewerblicher Art an die gemeinnützige Bildungsinstitution Museum andocken. Darunter verstehe ich unter anderem, einen offensiven "Museumsshop" zu betreiben, eine interessante, themenbezogene Gastronomie im Haus einzurichten oder ein Zentrum für Besucherforschung zu gründen, das wir hier am Haus seit einem Jahr besitzen. Hierbei kam uns der günstige Umstand zugute, dass am Institut für Soziologie der Universität Karlsruhe der beste Museumsbesucherforscher unter den deutschen Soziologen ansässig war. Wir führen die Dienstleistung "Besucherbefragung und Besucherforschung" für Museen im ganzen deutschsprachigen Raum durch. Mit dieser Arbeit schreiben wir schwarze Zahlen, und diese Gewinne kommen wieder der Museumsarbeit zu gute. Es ist eine rein betriebswirtschaftlich orientierte Struktur mit Kosten-Nutzen-Relationen, die für alle Aufgaben und Projekte, die wir angehen, aufgestellt werden. Seit wir kaufmännisch rechnen bei uns im Haus, wissen wir, was wir einsetzen.
raumk: Wie war das vorher? H. S.: Man hatte überhaupt keinen Überblick gehabt. Man hatte seinen bestimmten Etat, den man für dieses und jenes aufbrauchte, ohne sich groß Gedanken zu machen. Kaufmännisches Denken war früher nie Thema.
raumK: Könnten Sie auf eine weitere Bezuschussung durch das Land verzichten? H. S.: Das ginge nie und nimmer. Wenn man an Privatmuseen denkt wie zum Beispiel die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall, dann ist dort das private Unternehmen sogar ein sehr viel größerer Mäzen, der letztlich Kultur subventioniert. Wir in den Museen, die Teil der öffentlichen Trägerschaft sind, sind dadurch zunehmend gefordert, einen gewissen Anteil zur Selbstfinanzierung aufzubringen. Uninteressant ist das insofern nicht, weil natürlich bei so großen Apparaten wie bei uns über neunzig Prozent der staatlichen Mittel durch festgelegte Ausgaben verstellt sind wie Personalkosten, Gebäudeunterhalt, Energiekosten und so weiter. Die Zuschüsse können gar nicht für die produktiven Bereiche der Arbeit eingesetzt werden; da werden eben die selbst erwirtschafteten Mittel gebraucht, wobei ich immer betone, dass wir nur in ganz begrenztem Umfang bei einer Ausstellung in eine Risikofinanzierung gehen, sondern Wert darauf legen, dass die Ausstellung zumindest zu achtzig bis fünfundachtzig Prozent durch entsprechende staatliche Sondermittel finanziert wird. Wenn wir dann schwarze Zahlen schreiben, also über hundert Prozent durch die Einnahmen zur Verfügung haben, haben wir immer Projekte auf Lager - von der Neueinrichtung unseres Konferenzsaales bis hin zu neuen Abteilungen im Hause. Diese Extras können wir uns aus den Mehreinnahmen leisten. Das ist eine Spielregel, die von unserem Ministerium voll mitgetragen wird, und ich bin persönlich außerordentlich zufrieden mit der Wirtschaftsform, die wir im Augenblick praktizieren. Außerdem stellen wir für fünf Jahre das Pilotprojekt eines Eigenbetriebs des Landes dar. Wir haben die Funktion, als Werbebotschafter zu agieren und den übrigen zehn staatlichen Museen Baden-Württembergs den Strukturwandel schmackhaft zu machen. Wir wollen ihnen auf gar keinen Fall eine Angriffsfläche für Negativmeldungen liefern, sondern sie eher darin bestärken, den gleichen Weg einzuschlagen.
raumK: Verstehen Sie sich nunmehr als Manager eines Betriebes statt als Wissenschaftler und Museumsdirektor im herkömmlichen Sinne? H. S.: Das eine schließt das andere nicht aus. Unser Haus ist ebenso eine kulturschaffende, produktive Institution wie auch ein Unternehmen, mit einer kaufmännischen Betriebsleiterin an meiner Seite. Neue Zeiten fordern neue Taten, und da stimme ich einem originellen Schweizer Denker zu, der einmal sagte: "Erst wenn es wirtschaftlich wird, wird es lebendig!" - Neben dieser Tätigkeit bleibt aber auch immer noch Zeit, wissenschaftliche Publikationen zu verfassen.
raumK: Was geschieht mit den Mehreinnahmen, in was werden diese hauptsächlich investiert? H. S.: Ein Thema, über das ich persönlich jetzt noch verstärkt nachdenke, ist das Programm, mit dem ich vor ungefähr dreizehn Jahren im Badischen Landesmuseum angetreten bin: nämlich die fünfzehn Abteilungen unseres Hauses schön chronologisch von der Steinzeit bis zur Kulturgeschichte der Gegenwart in einer didaktischen, gestalterisch ansprechenden und besucherorientierten Art und Weise neu einzurichten und zu präsentieren. Elf von fünfzehn Abteilungen haben wir geschafft. Anfang nächsten Jahres kommt die zwölfte, die Römerzeit, hinzu. Gerade auch durch den Gradmesser Eintrittsgeld - wo jeder Besucher mit dem Portemonnaie und mit den Füßen entscheidet, ob er das sehen möchte, was wir hier bieten -, ist es uns ein Stück deutlicher geworden, dass in einer Stadt wie Karlsruhe, die über keinen großen Städtetourismus verfügt wie jetzt Freiburg oder Heidelberg, wir die Besucher besser ansprechen müssen. Wir müssen Glanzpunkte setzen. Wir holen unser Publikum zu siebzig bis fünfundsiebzig Prozent durch Sonderausstellungen heran. Durch Evaluationen, die unser Museumssoziologe Prof. Dr. Hans Joachim Klein durchführt, versuchen wir das Potenzial ausfindig zu machen und die Leute auch auf das Dauerangebot aufmerksam zu machen. Das ist eine Sache des Marketings und natürlich auch der publizistischen Kommunikation, denn auch die Medien interessieren sich immer mehr nur für aktuelle Sonderausstellungen. Ich sehe darin aber genau die Verpflichtung, denn die annähernd dreihunderttausend Sammlungsobjekte, die wir besitzen, sind Eigentum der Bürgerinnen und Bürger. Sie haben im Prinzip ein Anrecht darauf, das sehen zu können, was ihnen gehört.
raumk: 1995, drei Jahre nach Ihrem Antritt, wurden erstmals Eintrittsgelder erhoben. Widerspricht das nicht dem zuvor gesagten, dass die Objekte Eigentum des Bürgers seien, und Ihrem Credo "Kultur für alle und umsonst"? H. S.: Ich war am Anfang selbst ein Skeptiker, was die Eintrittsgelder betrifft, doch ich bin heute ein starker Befürworter des Ganzen. Aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus, dass wir dieses Geld zu Gunsten des Besuchers produktiv einsetzen können. Die staatlichen Mittel gehen zum großen Teil für den reinen, laufenden Betrieb drauf. Ein Besucher, der nicht zahlt, kann auch nichts fordern. Mit Einführung solcher Gelder aber hat der Besucher nun auch das Recht auf Gegenleistung. Das Museum ist neu herausgefordert und hat sich qualitativ ein Stück verbessert. Was den sozialen Aspekt anbelangt, so ist es in Karlsruhe bekannt, dass eben die ständigen Ausstellungen freitags ab 14.00 Uhr kostenlos besucht werden können; damit haben auch diejenigen, die sich das Eintrittsgeld nicht leisten können, die Möglichkeit, das Museum aufzusuchen.
raumK: Bestehen Kooperationsabkommen mit anderen Institutionen? H. S.: Wir kooperieren mit der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Karlsruhe. Die Archäologischen Institute Freiburg und Heidelberg möchten wir noch hinzugewinnen. Spezialforschung kann auch ein großes Haus mit einer begrenzten Anzahl von wissenschaftlichen Referenten nicht im Alleingang erbringen, sondern da braucht man die Kooperation. Die Kernaufgabe der Museen besteht darin, zunächst das, was vielleicht andere erforscht haben, mit unseren spezifischen Mitteln durch Ausstellungen an die Öffentlichkeit zu tragen. Gleichwohl werden aber auch in unserem Haus Recherchen zu Ankaufsangeboten im Zusammenhang mit Ausstellungsprojekten durchgeführt.
raumk: Es könnte leicht der Eindruck entstehen, dass der altbekannte Museumsbetrieb zu einer Art Erlebnisort mutiert. H. S.: Bis zu einem gewissen Umfang ist das beabsichtigt, weil ich glaube, dass Museen nur auf diese Weise ihren Stellenwert im gesellschaftlichen und kulturellen Geschehen und in der Bevölkerung verbessern und ausbauen können. Es gibt dennoch eine Achillesferse, über die man in Zukunft nachdenken muss. Das sind unsere Bestandskataloge, die oft jahrelange Forschungsarbeit zur Voraussetzung, aber leider nur einen ganz minimalen Absatz haben, weil sich die Bevölkerung letztendlich nicht dafür interessiert. Ich glaube, dass es gerade bei einem Haus wie unserem, das mit dem Virtuellen Museum auch eine Pilotfunktion übernommen hat - und für das wir einen 1. Weltpreis, den Prix spécial Web´Art des Internationalen Museumsverbands ICOM in Taiwan verliehen bekommen haben -, zu einer Konvergenz kommen wird: von der datenerfassten Neuinventarisation bis zum Bestandskatalog. Diese interaktive und innovative Form der Präsentation unserer Sammlungsbestände ermöglicht dem virtuellen Besucher ungeahnte An- und Einblicke. Man wird in Zukunft die Bestandsdokumentation unseres Hauses im Internet vorfinden und nicht mehr unbedingt in gedruckten Büchern.
raumK:Es wurde der Vorwurf laut, dass sie weniger populäre Themen stiefmütterlich behandeln und sich nur noch den großen publikumswirksamen Themen zuwenden. Ist das so richtig? H. S.: Ich möchte mir die Bemerkung erlauben, dass manche Kritiker, die uns gelegentlich den Vorwurf machen, wir seien zu sehr aufs populäre ausgerichtet, genau die selben sind, die auch immer nur groß und breit über diese populären Ausstellungen berichten. Dass wir zum Beispiel im Museum beim Markt viermal im Jahr Ausstellungen mit schwierigeren Themen machen, oder dass wir Künstlerförderung betreiben, wird in den Medien kaum geschrieben, so dass das fast ein Circulus vitiosus ist.
raumk: Was sind ihre Vorhaben in Zukunft? Auf welche Ausstellungen dürfen wir uns freuen? H. S.: Im Herbst 2005 werden wir mit dem Archäologischen Landesmuseum in Stuttgart eine große Landesausstellung über die Spätantike im Raum Oberrhein präsentieren können. Ich sage bewusst nicht "Südwestdeutschland", weil sich mit dem Fall des Limes 260 n.Chr. die römische Kultur auf die linksrheinische Seite verzogen hat. Wir wollen diese spannende, unruhige und wechselvolle Zeit der Spätantike zeigen, die geprägt war von Völkerverschmelzung und -wanderung, vom Zusammenbruch des römischen Weltreiches und dem Aufkommen und Erstarken des Christentums. Uns sind der Dialog und die Vernetzung der europäischen und mittelmeerisch-vorderasiatischen Kulturen wichtig. Deswegen werden wir auch in Zukunft mit Projekten fortfahren wie zum Beispiel mit einem Berbervolk, das wir vorstellen möchten. Diese Berber arbeiten, leben und pflegen ihre Tradition wie schon vor Tausenden von Jahren. Wir möchten einen wertvollen Beitrag leisten in der freundschaftlichen Begegnung mit verschiedenen kulturellen Reichtümern.
raumk: Herr Siebenmorgen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten Thomas Münzer und Klaudija Badalin Foto 1: Thomas Münzer
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