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Interview mit dem Schriftsteller Markus Orths
Markus Orths ist wohl der zurzeit erfolgreichste in Karlsruhe lebende Schriftsteller. Orths, Jahrgang 1969, wurde in Viersen am Niederrhein geboren, wo ihm der schreibende Vater mit religiösen Kurzgeschichten die Literatur nahe brachte. Orths studierte Philosophie, Romanistik und Englisch. Er arbeitete als Englischlehrer, bevor er sich ganz auf das Schreiben konzentrierte. Für seine Erzählungen und Romane erhielt er zahlreiche Preise und Stipendien. Unterstützt hat ihn dabei auch der Verleger Klaus Schöffling, in dessen renommiertem Verlag Orths’ Bücher erscheinen. Schöffling machte dem Schriftsteller im Sommer 2000 ein ebenso ungewöhnliches wie wunderschönes Angebot: "Ich lege Ihnen den Verlag zu Füßen."
raumK : Ihr neuer Roman "Catalina" ist entstanden, weil Sie die wahre und abenteuerliche Geschichte des Mädchens Catalina fasziniert hat, der "Leutnantnonne", die zu einem Mann wird, um ihren Traum zu verwirklichen. Wie gehen Sie normalerweise vor, wenn Sie einen Roman schreiben? Machen Sie vorher ein genaues Exposé? Ist Ihre Vorgehensweise stets die selbe oder ändert sie sich von Roman zu Roman? M. O. : Bislang ändert sich die Vorgehensweise von Roman zu Roman. Bei "Corpus" hatte ich den Aufbau eines lateinischen Hochamts als Struktur und roten Faden. Das "Lehrerzimmer" ist einfach so aus mir herausgebrochen, ohne dass ich was dafür konnte. Und bei "Catalina" hatte ich die Eckdaten der historischen Figur, wobei ich immer gern aus der Struktur ausbreche und mich beim Schreiben selber überrasche. Beispielsweise ist Catalinas lang ersehnte Begegnung mit ihrem Bruder in der Neuen Welt am Schreibtisch plötzlich ganz anders ausgefallen als geplant. Ich denke, das Schreiben wird lebendig durch dieses Sich-immer-wieder-selbst-überraschen; trotzdem brauche ich immer auch ein Grundgerüst, an dem ich mich orientieren kann. Oder anders gesagt: Beim Schreiben selber liebe ich Assoziationen, Überraschungen, Sichmitreißenlassen, Rauschzustände und Schnelligkeit; beim Konzipieren bin ich absoluter Strukturmensch (Steinbockaszendent), beim Korrigieren geradezu ein manischer Schmirgelfetischist und Nacharbeiter. Beim Konzipieren hilft mir vor allem mein Philosophiestudium, beim Schreiben die Tatsache, dass ich ein Träumer bin, beim Korrigieren meine literaturwissenschaftlichen Kenntnisse durch Anglistik und Romanistik.
raumK : Mittlerweile haben Sie Ihren Beruf als Lehrer aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Was hat den Ausschlag gegeben, sich aufs Schreiben zu konzentrieren? M. O. : Ganz einfach: Dass ich viel lieber schreibe als unterrichte! Nach wie vor bin ich zwar gern in der Schule bei Schullesungen, aber Schule und Schreiben unter einen Hut zu bekommen ist mir nicht gelungen, da einen beides voll in Anspruch nimmt.
raumK : Schaffen Sie es, neben dem Schreiben noch viel Belletristik zu lesen? Können Sie sich noch auf andere Bücher einlassen, während Sie an einem Roman arbeiten? M. O. : Ja, ich lese sehr viel, ständig, andere neue Literatur, aber auch so genannte Klassiker. Als Schreibender, sagte schon Susan Sontag, ist man eigentlich immer ein Lesender. Das, was man schreibt, ist ja sozusagen nur einen ganz kurzen Moment im Akt des Schreibens gefangen. Nach dem Bruchteil einer Sekunde wird es dann zum Geschriebenen, muss also gelesen werden, und zwar zunächst vom Autor. Insofern ist es für mich unmöglich, Lesen und Schreiben zu trennen. Ein Autor, der nur seine eigenen Texte liest, ist für mich kein Autor. Allerdings fällt es mir immer schwerer, die eigene Lektorenbrille beim Lesen abzusetzen; insofern bin ich immer gottfroh, wenn ich Bücher lese, die mich so in ihren Bann schlagen, dass ich diese Brille vergesse: Das ist dann für mich große Literatur. Wie zuletzt "Alles ist erleuchtet" oder auch "Schiffbruch mit Tiger".
raumK : "Schreiben ist neunzig Prozent Transpiration und zehn Prozent Inspiration." Wie sehen Sie das Verhältnis, für Sie persönlich? M. O. : Dieses Geniegelaber geht mir auf die Nerven. Man findet bei jedem Autor Dinge, die man kritisieren kann. Goethe hat zum Teil Sätze drauf, die man in jedem Groschenroman finden könnte; Kafkas Kurzprosa ist teilweise unglaublich prätentiös und himmelschreiend übermoralisch; bei Thomas Mann kann man teilweise in endloser Langeweile eingehen. Die kochen alle nur mit Wasser. Da etwas "Göttliches", "Geniales" reinzulesen, ich weiß nicht, was das soll. Es ist immer viel Arbeit mit im Spiel. Das Bearbeiten der eigenen Texte ist ungeheuer wichtig. Die Idee für einen Text natürlich auch. Es stimmt, die fällt einem manchmal zu, ohne etwas dafür zu können. Andererseits kann man sich auch Ideen erarbeiten, indem man sich inspirieren lässt, durch die zahllosen "Ideenkeime" (Highsmith), die man überall sieht, wenn man nur genau genug hinschaut.
raumK : Inwiefern beeinflussen Ihre Herkunft und der Ort, an dem Sie leben, Ihre Arbeit? M. O. : Ich stamme vom Niederrhein, und man sagt mir öfter nach, einen Hüsch’schen Humor zu haben, gerade beim "Lehrerzimmer". Der Katholizismus hat mich sicher auch geprägt, einerseits in dem, was zur Zeit mein Thema ist: Erwartungen, Konventionen, Rollen, Verstellung, das Nicht-man-selbst-Sein etc. Andererseits aber auch vielleicht in meinem Faible für das Barocke, Prunkvolle, Rauschhafte, Sinnliche, das die katholische Kirche auszeichnet und das wohl auch etwas in mein Schreiben eingeflossen ist.
raumK : Kann man literarisches Schreiben lernen? Haben Sie selbst Schreibseminare besucht oder Bücher zum Schreibhandwerk gelesen? Und haben Sie beziehungsweise Ihr Schreiben davon profitiert? M. O. : Wie oben angedeutet: Ich denke, man kann das Lesen lernen. Insofern der Schreibende immer ein Lesender ist, kann man auch das Schreiben lernen. Ich denke, mein Schreiben hat vor allem davon profitiert, dass ich wie wahnsinnig gelesen habe, und zwar immer schon. Gleichzeitig war schon als Kind der brennende Wunsch da, ein Buch zu schreiben, was sich so äußerte, dass ich als kleiner Stöpsel mein erstes Buch auf einen abreißbaren Notizblock schrieb, jede Seite ein Wort in Großbuchstaben, ein Buch, das man dann wunderbar umblättern konnte. Grundbedingung fürs Schreiben ist für mich also eine absolute Liebe zur Literatur, zum Buch, zum Schreiben, aber das versteht sich ja eigentlich von selbst. Daneben: Lust an Sprache, Imagination, Erfindung, Rhythmus. Ohne Talent geht’s sicher auch nicht: Ich kann zwar Tennis spielen lernen, aber ob ich damit ein Tournier gewinne oder ob es ein Hobby bleibt, ist leider auch eine Frage des Talents. Und dann das eigentliche Handwerk lernen. Das geht sicher auch bis zu einer gewissen Grenze; aber hier lehne ich alles Dogmatische vollkommen ab. Jemand, der sagt "So lernst du schreiben", lügt. Man kann allenfalls lernen, indem man den "Meistern" über die Schulter schaut, beobachtet, nachspürt, wie die das machen, wie ein Dostojewski es beispielsweise schafft, einen Leser über Tausende von Seiten zu fesseln etc. Aber es gibt keinen Bausatz "Wie lerne ich schreiben?" Denn ganz wesentlich und wichtig für das eigene Schreiben ist ja gerade das Über-die-Grenzen-Gehen. Insofern stehe ich Schreibwerkstätten eher skeptisch gegenüber, wenn sie Regeln fürs Schreiben formulieren. "Schreibe nur über das, was du selber erlebt hast!" ist beispielsweise eine Grundregel des "creative writing", eine Regel, wie sie dümmer und nerviger nicht sein könnte und die den Tod der Literatur bedeutete, folgte man ihr. Denn Literatur entsteht viel eher gerade aus dem Gegenteil dessen, was diese Regel vorgibt, sie entsteht aus dem, was der Autor nicht erlebt hat, aus seinen Sehnsüchten, Wünschen, Hoffnungen, seinen Träumen, Phantasien, seiner Umdeutung des Erlebten, seiner Neuformung der Wirklichkeit. Also an alle Schreibenden: Vergesst bitte diese Regel! Sonst hätte es keinen Oscar Matzerath gegeben, keinen Iwan Karamasow, keine Grenouille, denn wir wollen doch für Patrick Süskind hoffen, dass er für nicht etwa heimlich eine Reihe von Jungfrauen getötet und ihnen die Haut abgezogen hat, oder? Wenn die Schreibwerkstätten allerdings einen absoluten Rahmen der Offenheit schaffen, wenn sie nur anregen, antippen, dem Schreibenden total freie Hand lassen, wenn sie begleiten statt führen, dann liegt da sicher ein Sinn und eine Möglichkeit: So habe ich eine Schreibwerkstatt als Teilnehmer erlebt, ganz früh, die mir sehr geholfen hat, eben dadurch, dass es keine Restriktionen gab, so habe ich in der Schule eine Schreibwerkstatt gehalten mit, wie ich fand, ganz tollen Ergebnissen. Dazu muss man aber auch aushalten, dass Teilnehmer stundenlang auf dem Tisch liegen und zu pennen scheinen. Plötzlich springen sie auf und schreiben eine Geschichte, wie von der Idee gestochen. Und man selber kann als Schreibwerkstättenleiter überhaupt nichts dafür.
raumK : Welche Aspekte des literarischen Schreibens kann man lernen und welche nicht? Für wie wichtig oder für wie sinnvoll halten Sie die Schulung von Autoren im Handwerk? M. O. : Zu lernen sind für mich vor allem die Aspekte der Bearbeitung eines Werkes. Wenn das Geschriebene auf dem Blatt steht, das Filtern: Perspektive, Charakterführung, Zeitebenen, Sympathielenkung, Durchleuchten der Sprache, alles, was letztlich mit Literaturwissenschaft zu tun hat. Wenn man hier Kategorien kennt, mit deren Hilfe man das Geschriebene für sich besser analysieren kann, so ist das eine sehr große Hilfe.
raumK : Haben Sie als ausgebildeter Lehrer keine Lust, Autoren das Schreiben beizubringen? Ein Jahr lang haben Sie Kurse, etwa bei der VHS, gegeben. Oder haben die Erfahrungen, die Sie in Ihrem erfolgreichen Roman "Lehrerzimmer" satirisch überhöht geschildert haben, Sie endgültig allen Lehrberufen entfremdet?
M. O. : Nein, ich habe schon Lust, vielleicht in ein paar Jahren mal eine Gastvorlesung oder Seminar am Literaturinstitut Leipzig oder auch Wolfenbüttel oder so zu halten. Es hat auch sehr viel Spaß gemacht, als ich es getan habe. Nur fehlt mir im Augenblick die Zeit, denn es gibt so viele andere Dinge und Projekte.
raumK : Für wie wichtig halten Sie Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften? Wie wichtig waren sie für Sie selbst? M. O. : Total wichtig! Klaus Schöffling, mein Verleger, ist unter anderem durch Veröffentlichungen in "ndl" auf mich aufmerksam geworden. Ich kann nur allen Autoren, die beginnen, den einen Rat geben: Schickt eure Skripte nicht an die großen Verlage, sondern erst mal auszugsweise an Literaturzeitschriften. Da hat man die Gewissheit, dass die Texte auch gelesen werden und keine Frustrationserlebnisse. Für mich waren ganz besonders wichtig, die ersten positiven Reaktionen von Joachim Feldmann ("Am Erker"), Erik Martin ("Muschelhaufen"), und Karlheinz Barwasser ("Cet"), die mich sehr ermutigt haben.
raumK : Wie wichtig sind Beziehungen innerhalb der Literaturwelt - Institutionen, Verlage, Agenten, erfolgreiche Autoren und so weiter - für einen noch unbekannten Autor? M. O. : Überaus wichtig. Aber auch hier ist vieles Glücksache. Ich bewarb mich beim LCB für ein Stipendium. Uli Janetzki, der dortige Chef, schickte damals meine Texte an Klaus Schöffling. Der kannte mich auch schon wie oben beschrieben aus "ndl", las die Texte aufmerksam. So kam ich zum Verlag. Ohne die Hilfe von Uli Janetzki wäre das nicht passiert. Ein Grundsatz Ulis lautet: "Man muss immer mindestens acht Bewerbungen offen haben!" Also Bewerbungen auf Stipendien, Wettbewerbe, Zeitschriften etc. Also das habe ich schon genauso gemacht, noch ehe ich Janetzki kennen lernte: Irgendein Autor sagte mal so schön: "Veröffentlichen ist eine Frage des Portos!" Und nur dadurch kommt man in Kontakt mit Institutionen, wird gefördert und kann seinen Weg einschlagen.
raumK : Sie selbst haben viele Preise und Stipendien erhalten. Für wie wichtig halten Sie diese Auszeichnungen im Bezug auf die Karriere als Schriftsteller? M. O. : Natürlich sehr wichtig. Das gibt Aufmerksamkeit! Nach dem "open mike" zum Beispiel hätte ich auch noch bei anderen Verlagen unterkommen können.
raumK : Haben Sie einen Agenten? M. O. : Nein. Einerseits habe ich es ja auch so geschafft, andererseits arbeitet Klaus Schöffling aus Prinzip nicht mit Agenten zusammen, weil er der Meinung ist, dass die dann immer zwischen Autor und Verleger stehen. Außerdem kenne ich eine Reihe von unzufriedenen Autoren, die sozusagen bei irgendwelchen Agenturen als Karteileichen vor sich hingammeln. Was Gutes hab ich noch selten über Agenturen gehört. Und dass sie fünfzehn Prozent auf alle Einnahmen kriegen, macht sie ja auch nicht gerade sympathisch. Irgendwie ist mir dieses Konzept suspekt.
raumK : War Ihr erster veröffentlichter Roman "Corpus" auch der erste, den Sie geschrieben haben? Oder schlummern bei Ihnen noch Romane in Schubladen? Falls ja, warum glauben Sie, haben es diese früheren Werke nicht geschafft, veröffentlicht zu werden? M. O. : Nein, es gibt noch zwei andere. Warum haben sie es nicht geschafft? Weil ich sie nie weggeschickt habe. Warum habe ich sie nie weggeschickt? Weil sie grottenschlecht sind. Aber man muss sich im Laufe des Schriftstellerlebens auch erst mal einigen "Müll" wegschreiben, sich an Vorbildern abarbeiten, sich freischwimmen, ehe man zum ersten Mal eine eigene literarische Erzählung fertig stellt. So ging es mir jedenfalls.
raumK : Welchen Rat haben Sie für Schriftsteller, die - noch - keinen Erfolg haben? M. O. : Denselben wie Rilke: Hört in euch rein! Wenn ihr wirklich schreiben müsst, nicht anders könnt, wenn es ein wirkliches Glücksgefühl bewirkt, wenn es (zumindest hauptsächlich) kein Krampf, sondern Freude, Eintauchen, Rausch ist, dann macht weiter, egal, was passiert. Und wenn ihr weitermacht, dann schreibt bitte nicht nur über euch selbst! Schreiben heißt Erfinden! Literatur ist Fiktion! Und Themen und Stoffe liegen auf der Straße. Man muss sich nur bücken.
Das Interview führte Stephan Waldscheidt
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