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Hermann Dischinger, Mundartautor Drucken E-Mail

Mundartpoet mit neuem Mut zur alten Sprache

Wer kennt ihn nicht, den lächelnden Mann mit Strohhut, stets ein freundliches Wort auf den Lippen, eloquent und offensichtlich immer gut gelaunt? Es kann sich dabei nur um einen handeln - Hermann Dischinger, Mundartdichter, Sprachpoet und Dialektkünstler, ein Östringer Urgestein, das jedoch weit über den Kraichgau hinaus bekannt ist.
Dass Dischingers Fangemeinde mit jedem Tag wächst, bestätigen seine mittlerweile 12 veröffentlichten Werke, Gedichtbände und Prosa mit so bezeichnenden Titeln wie "Ich bin do. Badische Gutsele", "E Schdick vun mir" oder "Klassedreffe". Mit insgesamt über 10.000 verkauften Exemplaren lässt sich sein Erfolg in der Tat nicht leugnen. Dabei war eine Karriere als Autor gar nicht geplant und der Erfolg kam ganz unverhofft. Entdeckt wurde Dischingers Talent im Jahr 1989 bei einem Mundartwettbewerb. Die Zeilen, die er einreichte, gefielen der Jury so gut, dass sie auf Anhieb den zweiten Platz in der Sparte Lyrik belegten. Von diesem Augenblick an war Hermann Dischinger beim Dichten und Schreiben nicht mehr zu bremsen. Die Ideen sprudelten nur so, weitere Mundartpreise ließen nicht lange auf sich warten, und eine Veröffentlichung folgte der anderen. Überdies war und ist Dischinger mit regelmäßigen Rundfunkbeiträgen im Radiosender SWR 4 vertreten.
Nun mag man geteilter Meinung sein, was Mundart anbelangt. Kritiker belächeln dieses Genre und tun es gern als ebenso oberflächliche wie derbe Volkskunst ab. Vor allem für Nicht-Badener ist es nicht immer ganz einfach, sich in den Wirrungen der Weichkonsonanten und Dehnungsvokale zurechtzufinden, die langen "äähs" und "oouhs" der badischen Mundart zu Worten zusammenzureimen. Und doch ist seit einigen Jahren ein Wiederaufleben der alten Tradition zu beobachten. Dialekt erfährt ein neues Selbstverständnis, mehr Akzeptanz und Sympathie. Es wäre wohl übertrieben, von einer Renaissance der Mundart zu sprechen, so ausgeprägt ist das Interesse nun wieder nicht. Dennoch bekennen sich immer mehr Menschen zu ihrem Dialekt, besinnen sich auf ihre Herkunft und lassen auf diese Weise ihre eigene Identität lebendig werden. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sich der Umgang mit Mundart grundlegend geändert hat. Die Zeit der derben Schenkelklopfer verstaubter Volksbühnen, einfältiger Darbietungen in Großmutters Bauerntheater und seichter Unterhaltung im Stil des "Ohnsorg-Theaters", gehören wohl endgültig der Vergangenheit an.
Warum also nicht neue Wege gehen? Autoren wie Hermann Dischinger haben die Mundart gewissermaßen neu entdeckt, haben sie "entstaubt", aus der konservativen Ecke ans Licht geholt und ihr ein neues Gesicht verliehen. Man bedient sich des Dialekts, um durchaus hintergründige und kritische Inhalte zu transportieren -  natürlich nicht ausschließlich, das passte auch nicht zu dem lebensbejahenden, fröhlichen Menschen Dischinger. Es ist vielmehr eine anregende Mischung aus gesellschaftskritischer Betrachtung und humorvoller Selbstkritik, unprätentiös, stets mit einem Augenzwinkern verbunden. Dischinger betrachtet Dialekt als Heimat, er möchte neuen Mut zur alten Sprache machen. Plumpe Sprüche und Plattitüden sucht man dabei vergebens. Derbe Mundart liegt ihm nicht, ist nicht seines; das hat unsere Sprache seiner Meinung nach auch gar nicht verdient. "Stattdessen möchte ich die Menschen mit meinen Gedichten ein wenig anstoßen, möchte zum "Um-denken" bewegen, Mut zur gesellschaftlichen Harmonie machen und auch Freude an der Sprache wecken", erklärt Dischinger - für den ehemaligen Lehrer für Englisch und Religion ist dies, nach eigener Aussage, so etwas wie ein "prophetisches Amt". Nach dem Ausscheiden aus der Beamtenlaufbahn kann er sich endlich auch freier äußern, Missstände offenherziger ansprechen. So führt er uns mit ebenso scharfem wie humorvollem Blick die Scheinheiligkeit, Prüderie und die mitunter recht ausgeprägte Intoleranz der Gesellschaft vor. Manch drastisches Gedicht ist das Ergebnis, nach Aussagen Dischingers "zu einem gewissen Teil auch überlebenswichtige Frustrationsbewältigung", denn mitunter möchte er schon verzweifeln an der Welt. "Wir wissen so viel - und tun so wenig!" - eine der grundlegenden Erkenntnisse langjähriger Lebenserfahrung. Resultat solcher Empfindungen sind seine Gedichte, häufig entstanden im Spannungsfeld zwischen dem Streben nach Harmonie und dem Widerstand gegen allzu menschliche Schwächen und gesellschaftliche Unzulänglichkeiten. Mit der negativen Lebenseinstellung ständig meckernder, unzufriedener Zeitgenossen, die an allem etwas auszusetzen haben, kann er allerdings wenig anfangen. Sie veranlassen ihn eher zu manch zynischem Kommentar - Humor ist, wenn man trotzdem lacht, und manchmal ist es eben Galgenhumor!
Auf keinen Fall lassen sich Dischingers Gedichte in Schubladen pressen; sie sind gegensätzlich zum Menschen, der hinter den Zeilen steht. Hermann Dischinger bezeichnet sich selbst als "europäischen Kosmopoliten", sieht sich als toleranten und weltoffenen Menschen - gleichzeitig jedoch auch als "Dinosaurier, der ohne Fax und E-Mail auskommt". Schließlich ist spürbar, dass er es durchaus versteht, die schönen Seiten des Lebens zu genießen, auf ausgedehnten Reisen, ganz einfach entspannt in seinem Garten oder aber, wenn er seinen Gedanken freien Lauf lässt: "Jede Lebensreise ist von Veränderungen geprägt, denen man ständig unterworfen ist. So bleibt nur die Frage, ob ich mir mein Leben von Moden diktieren lasse, und für mich unnütze Dinge kaufe, nur um der Norm zu entsprechen oder nicht." Hermann Dischinger gehört offenbar zu Letzteren - und er fährt sichtlich gut damit. Das Schreiben verlegt er nach eigener Aussage gerne in die Abendstunden. Endgültige Buchfassungen entstehen meist im Herbst, wenn es draußen kühl wird und die sorgsam gesammelten Notizen in den Rechner getippt werden.
Wer eine seiner zahlreichen Lesungen besucht, wird positiv überrascht sein, auch wenn er nicht viel von Mundart hält oder des Badischen vielleicht gar nicht mächtig ist. Aber keine Panik vor dem Östringer Dialekt! Herrmann Dischinger überzeugt mit Treffsicherheit, Wortwitz, Esprit und gewinnt durch sein sympathisches Wesen; damit überwindet er jede Sprachbarriere. Wer sich auf geistreiche Mundart einlassen kann und sattelfest im Dialekt ist, sollte sich in eines seiner zahlreichen Bücher vertiefen, wer sich auf genussvolle Art unterhalten will, möge eine seiner CDs hören oder eine der Lesungen besuchen, die meist im Rahmen von Kulturveranstaltungen überall in der Region stattfinden. Zudem naht der Herbst - vielleicht dürfen wir ja auch auf ein neues Werk gespannt sein, denn "s’isch sicher noch ebbes em Hern drin" oder mit anderen Worten, so schnell dürften dem Mundartpoeten die Themen nicht ausgehen. Bis dahin gibt es Unterhaltung mit seinem in diesem Jahr im INFO-Verlag erschienenen Werk "Was ich mag", das als Buch und Hör-CD erschienen ist.

Autor: Sylvia Mutter

Foto: Heiko P. Wacker; Hermann Dischinger mit seinem Buch "Klassedreffe"

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