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Amos Oz - Verse auf Leben und Tod Drucken E-Mail

Ein kleines, düsteres Caf? im Herzen Tel Avivs, ein literarischer Abend und eine ruhelose Nacht, eine Nacht im Leben eines Schriftstellers, die hier ihren Ausgang und ihr Ende nimmt.

Rasch jedoch werden das Caf?, die Autorenlesung und die nächtlichen Straßen der Stadt zum Nebenschauplatz, mutieren zur Kulisse für die Fantasien eines mit Fragen zum eigenen Ich beschäftigten Schriftstellers, dessen Gedanken immer weiter in die Welt der Fiktion abdriften, ein Mann, der jede Gelegenheit zum Anlass nimmt, eine Vielzahl seiner Mitmenschen mit einer völlig neuen, frei erfundenen, unwirklichen Identität zu versehen, sei es die Kellnerin des Caf?s, seine Zuhörer oder den übereifrigen Kulturbeauftragten des Zentrums. Er erschafft Gedankengebäude, die, obgleich frei erfunden, doch eng mit der Realität verwoben sind. Schließlich verschwimmen die Grenzen zwischen Lebenswirklichkeit und literarischer Imagination. Der Schriftsteller bemächtigt sich seiner Mitmenschen, seiner Umgebung, nutzt die Macht der Fantasie, um neue Möglichkeiten zu erschließen, eine imaginäre Welt zu erschaffen und sie in bildhaften Worten auszudrücken. Er fungiert als feinsinniger Beobachter mit fast schon voyeuristischen Zügen, als Regisseur, der seine Figuren lenkt, mal in die eine, mal in eine völlig konträre Richtung, und agiert nicht zuletzt als Bindeglied zwischen Wirklichkeit und Fantasiegeschehen. Er setzt sich selbst in Szene und bleibt zugleich außen vor. So schickt er seinen Protagonisten auf eine rastlose Reise durch das nächtliche Tel Aviv, stets auf der Suche nach sich selbst. Er gibt sich einer nächtlichen Liaison mit der schönen, aber schüchternen Vorleserin Rochele hin, die sich auf die eine oder andere Art hätte zutragen können - eine Ausgeburt schriftstellerischer Fantasie oder tatsächliche Begebenheit? Die Frage bleibt offen, wie die der vielen Einzelschicksale, die der Autor erfindet, auf raffinierte Weise miteinander verknüpft und weiterspinnt. Schein und Realität sind eng miteinander verwoben, heben sich gar auf.

Subtil in der Charakterisierung seiner Figuren, feinfühlig, zuweilen mit unterschwelligem Zynismus, entführt Amos Oz den Leser in die Bilderwelten seiner Fantasie. Prägnant porträtiert er seine Charaktere, fasst in wenigen Sätzen markante Wesensmerkmale zusammen. Unverblümt und spöttisch stellt Oz das Verhalten seiner Zeitgenossen dar, umreißt skurrile Charaktere und bizarre Alltagssituationen, die einer gewissen Tragik nicht entbehren. Andererseits beschreibt er die Banalität und Brutalität des Lebens, die stellenweise vorherrschende Uneigentlichkeit und Melancholie des Daseins - wie am Beispiel einer verarmten Mutter, die mit ihrem erwachsenen Sohn unter unwürdigen Bedingungen darbt - ein sinnentleertes Leben, dessen einziger Ausweg der Tod zu sein scheint. Zum einen hinterfragt Oz den Sinn, zum anderen eröffnet er doch Chancen; in seinem Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion durchbricht er zuweilen die paradoxe Tristesse menschlichen Seins. Gefühlvoll und subtil, fast zärtlich, mitunter humorvoll und streckenweise auch selbstkritisch beschreibt er eine durchaus realistische Lebenswirklichkeit, die uns alle umgibt. Es ist ein raffiniertes Spiel mit verschiedenen Realitätsebenen, eine gekonnte Reflexion über das Leben eines Schriftstellers, der in erster Linie auch Mann ist - mit all den Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt; und nicht zuletzt ist es eine Verkörperung des Daseins im Allgemeinen.

Ein Schriftsteller lebt seine Fantasie - oder träumt er sein Leben? Es ist seine Vorstellungskraft, diese Gabe der Erfindung, die Fähigkeit, sich die Welt in Gedanken auszumalen, sie völlig zu vereinnahmen und glaubhaft zu verändern, die es Amos Oz ermöglicht, ein ebenso fantastisches wie überzeugendes Gesamtbild zu erschaffen, seine frei erfundene Welt mit der Realität zu verbinden. Der mit 121 Seiten viel zu kurze Roman, der wohl auch autobiografische Züge trägt, ist eine Hommage an das Dasein und am Rande auch an das Mannsein - eine Reflexion über die menschliche Existenz, humorvoll bis zutiefst traurig, teilweise schockierend. Wie in früheren Werken ist es vor allem aber der stilistisch brilliante und besonders sinnliche Erzählstil, der Amos Oz zu einem der besten, wenn nicht dem begnadetsten Erzähler unserer Zeit macht.

(Sylvia Mutter)

Amos Oz

?Verse auf Leben und Tod?

Suhrkamp Verlag 2008

ISBN 978-3-518-41965-6

? 16,80

Oktoberausgabe, Nr. 72/2008

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