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3. Platz: ?Die Chance? von Edina Music

Über mir beobachte ich die gleiche dichte Masse an Menschen, wie sie täglich an mir vorbeiläuft. Die Menge bahnt sich ihren Weg zielstrebig zur nächsten Bahnstation, das bedeuten muss, dass der Feierabendverkehr eingesetzt hat. Die Männer haben teure Anzüge, Krawatten und zumeist weiße Hemden an, die Frauen tragen Blazer mit Hose oder knielangem Rock. Passend dazu eine Bluse und schwarze Pumps.

Früher war ich ein Teil dieser Flut, die sich im Herzen der Stadt ausgebreitet hat. Unter damaligen Fremden hieß es immer: ?Pass dich der Masse an, dann gehörst du dazu.? Mein Platz war bei den ?Broker Agents?, dort gehörte ich dazu, einer Aktienfirma an der 12th Avenue. Als ich eingestiegen bin, ging es der Firma gut, Tendenz steigend. Doch eines Tages hatte der alte Abe Lancoln einen Herzinfarkt, den er nicht überlebte. Da der Tod überraschend war und Abe verpasst hatte einen Nachfolger zu bestimmen, kam es zum Streit zwischen dem Manager, der die Position unter Abe inne hatte und Abes leiblichen Sohn Franzis, der ein Anrecht an der Firma für sich beanspruchte. Leider entschied sich das Gericht dafür den Sohn die Firma weiterführen zu lassen, was auch den Untergang zu Folge hatte. Innerhalb eines Jahres hatte Franzis die ?Broker Agents? so heruntergewirtschaftet, dass es zur Rationalisierung vieler Arbeitsstellen kam. Ein weiteres halbes Jahr später musste die Firma den Konkurs anmelden und schließen. Somit haben knapp 1000 Menschen ihren Job verloren. Doch die Hexenjagd ging weiter. Die Medien haben sich auf Franzis gestürzt, wie die Aasgeier auf einen leblosen Kadaver. Paparazzis sind ihm überall hin gefolgt, ehemalige Mitarbeiter haben Morddrohungen ausgesprochen. Anschließend ist Franzis mit seiner Familie nach Europa geflüchtet. Man munkelt, dass er einen satten Batzen Geld auf ein Schweizer Konto hinterlegt und sich ein Haus irgendwo in Spanien gekauft hat. Irgendwann habe ich das Interesse verloren, den Fall weiter zu verfolgen, denn ich hatte Schulden und konnte sie meinem Buchmacher nicht mehr zurückzahlen. Dann eines Abends, nachdem ich nach erneut erfolgloser Jobsuche Heim kam, fand ich gähnende Leere in meinem Appartement. Es fehlte nichts, bis auf meine Frau und meine Tochter. Die Wohnung war wie immer gründlich aufgeräumt, deshalb wartete ich noch eine Weile auf ihre Heimkehr. Als ich arbeitslos wurde, hatte ich mich immer öfter mit meiner Frau gestritten. Finanziell ging es uns immer schlechter. Wir hatten bereits eine Drohung die Wohnung zu räumen. Deshalb glaubte ich erst, sie sei zu ihren Eltern gefahren. Doch es gab keinen Abschiedsbrief und die Eltern von meiner Frau wohnten nur eine Stunde von unserer Wohnung entfernt. Es war etwa 21 Uhr, als ich ihre Eltern anrief. Ihre Mutter bestätigte mir einige Male, dass sie nicht da sei.

Ungeduldig wartete ich bis Mitternacht. Ich nahm den Telefonhörer in die Hand und rief die Polizei an, die zu mir sagte ich solle noch etwas abwarten. Also wartete ich 24 Stunden, wie von der Polizei angeraten, dann rief ich wieder an. Nach nur 15 Minuten standen zwei Beamte mit mir in meinem Wohnzimmer und ich wurde ausgefragt. Die darauf folgende Zeit war schrecklich für mich, denn man fand keinen Hinweis zum Verbleib meiner Familie. Es war ohne Job eine Zeit des reinen Überlebens. Einige von den ?Broker Agents? fanden in ihrer Arbeitslosigkeit den finanziellen Ruin und sitzen inzwischen auch wie ich auf der Straße.

Über mir ist Frieden eingekehrt und die Menschenmasse hat ihren Weg nach Hause gefunden. Nun habe ich unter meiner Brücke endlich Ruhe. Gedankenverloren schaue ich zu meinen Füßen. Schuhe habe ich keine an, denn Fred hat sie mir letzte Nacht entwendet, als ich geschlafen habe. Fred ist ein Spinner, dass muss daran liegen, dass er schizophren ist. Manchmal glaubt er, er kann fliegen und balanciert auf der Brooklyn Bridge mit ausgestreckten Armen. Bisher hat es die Polizei immer wieder geschafft ihn dort runter zu holen, bevor er gesprungen ist. Ein anderes Mal dachte er, er wäre Elvis, der King und rannte zum Broadway in ein Theater. Dort meinte er auftreten zu müssen, doch die Kassiererin ließ ihn nicht rein, sondern rief stattdessen die Polizei. Oftmals wurde er in Gewahrsam genommen und in die Psychiatrie gebracht. Doch entließ man ihn immer schnell. Ansonsten ist Fred ein lustiger Geselle und en guter Kumpel mit dem man Spass haben kann.

Seit etwa acht Jahren nenne ich die Straße nun mein Zuhause. Meine Haare sind lang, verfilzt und besitzen einen Farbverlauf von dunkelbraun, grau bis hin zum weiss. Einen Bart habe ich auch, der ziemlich zottelig aussieht. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Glücklicherweise sitze ich bereits unter meiner Brücke, die heute Nacht mein Quartier ist, seit mich die Polizei aus dem Park gejagt hat. Dicke Regentropfen prallen vor mir auf den Boden, und ich schaue gedankenverloren auf die Löcher in meinen Socken. Es ist schon sehr spät und noch bevor ich mich endgültig zum Schlafen lege, nehme ich ein Bild aus der Innentasche meines stinkenden Jacketts und starre mit gesenkten Augenlidern darauf. Lindsay sieht so wunderschön aus, obwohl die Ecken des Fotos angerissen und das Bild ziemlich zerknickt ist. Meine Tochter ist auf dem Bild neun Jahre alt. Ihre Haare sind beinahe blond und deren Duft liegt mir noch immer in der Nase. Wahrscheinlich werde ich nie herausfinden, was damals passiert ist. Eine Weile halte ich das Bild noch fest, bevor es wieder in meinem Jackett verschwindet.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, merke ich, dass meine Hand einen Brief fest umklammert. Neugierig mache ich ihn auf und lese folgende Zeilen:

?In der umgedrehten Metallschale rechts vor ihnen ist ein Briefumschlag, indem sich der Name eines Hotels mit dazugehöriger Codekarte befindet. Falls sie ihre Familie wiedersehen möchten, sollten sie den weiteren Anweisungen folgen.?

Überrascht lese ich den Brief einige Male, bevor ich den Umschlag unter der Metallschale nehme, ihn aufmache und mich auf den Weg zum Hotel an der 47 Avenue mache. ?Lebt meine Familie noch, oder ist das nur ein dummer Scherz??, frage ich mich immer und immer wieder. Vor dem Hotel angekommen, betrachte ich das Gebäude und laufe hinein. Es ist keine Nobeleinrichtung, sondern recht schlicht und einfach gehalten, sodass ich mit meiner ärmlichen und verwahrlosten Aufmachung zwar auffalle, jedoch nicht von jedem dermaßen angestiert werde, wie es in einem teuren Hotel der Fall wäre.

Hastig laufe ich an der Rezeption vorbei, wo mich ein ?Kann ich ihnen Helfen??, versucht aufzuhalten, dass ich mit einem kurzen, ?Nein danke?, abwehre.

Endlich sehe ich rechts den im Brief angekündigten Lift und fahre in den fünften Stock. Unruhig laufe ich den Gang entlang, bis ich zur Zimmernummer 56 gelange und ziehe zittrig die Codekarte durch den Schlitz. Als ich das Zimmer betrete, liegt ein weißes Mobiltelefon auf dem Bett. Nach fünf Minuten klingelt es und ich gehe dran. Eine raue, männliche Stimme ist zu hören: ?Guten Tag Herr Johnson. Es freut mich, dass sie den Weg hierher gefunden haben. Bitte sprechen sie kein Wort, sondern hören sie mir genau zu. Links neben dem Bett befindet sich ein Koffer mit genau eine Millionen Dollar in Scheinen. Kein Cent mehr und kein Cent weniger. Über das Geld haben sie einen Monat lang freie Verfügung und können damit machen, was sie wollen. Doch es gibt eine Bedingung: Falls sie ihre Familie wiedersehen möchten, dann sollte von diesem Geld nichts fehlen, ansonsten werden ihre Frau und ihre Tochter sterben. Wenn die Polizei eingeschalten wird, dann gilt mein Angebot nicht mehr und ihre Familie stirbt auf der Stelle. Wir werden sie beobachten. In genau 30 Tagen werde ich sie erneut kontaktieren.? Noch bevor ich etwas sagen konnte, hat die Person am anderen Ende bereits aufgelegt. Tatsächlich steht links vom Bett ein schwarzer Koffer ganz aus Leder mit goldenen Schnallen. Natürlich spiele ich mit dem Gedanken den Koffer zu öffnen, um zu sehen, was sich darin befindet. Doch ich gelange nicht in Versuchung und verlasse fröhlich summend das Zimmer. ?Meine Familie wiedersehen?, flüstere ich glücklich und fange an zu strahlen. Endlich, meine Frau, meine Tochter.

Bisher habe ich es acht Jahre lang auch ohne Geld geschafft zu überleben und die gestellte Bedingung dürfte für mich ein Klacks werden. Gemütlich laufe ich aus dem Zimmer und schließe die Türe. Die Zutrittskarte stecke ich in mein Jackett und verlasse das Hotel.

Inzwischen sind 20 Tage vergangen und ich habe noch zehn Tage vor mir, ohne dass ich es bisher wagte den Koffer zu öffnen. Zwar habe ich nur zwei Mal im besagten Hotelzimmer übernachtet, doch dass war auch alles. Schließlich gehörte das Übernachten nicht zu der Bedingung. Meine Hand verschwindet in meinem Jackett, zieht die Karte zum Hotel heraus und ich befinde mich kurz darauf erneut in Zimmer 56. Eine Weile starre ich den Koffer an, bevor ich ihn mit meinen Händen berühre. Noch nie habe ich eine Millionen Dollar gesehen, geschweige denn angefasst. ?Was soll schon passieren, wenn ich den Koffer öffne und die Scheine nur anschaue?, frage ich mich, ?Nur einen Blick darauf werfen.?

Also öffne ich den Koffer und betrachte die vielen Dollarscheine. Mit beiden Händen streife ich behutsam über das bedruckte Papier und fühle eine innere Sicherheit und eine eigenwillige Stärke. Nach zehn Minuten schließe ich den Koffer und bleibe die Nacht wieder in dem Zimmer. Es ist kuschelig warm und nicht so kalt, wie es jetzt unter meiner Brücke sein würde.

Heute ist Tag 24, und seit ich den Koffer geöffnet habe schlafe ich nur noch in dem Zimmer. Es ist nach 17 Uhr und ich habe solch einen Hunger, dass mein Magen laut knurrt. Vom Hunger geplagt, gehe ich zum Koffer und nehme eine 100-Dollar-Banknote heraus. ?Nur ein Brötchen für einige Cents?, verspreche ich mir, ?die erbettle ich mir schnell wieder. Niemand merkt, dass etwas an Geld fehlt.?

Beim nächsten ?Waffelhaus? bestelle ich mir ein Brötchen und einen Kaffee. Während ich gemütlich an der Bar sitze und meinen Kaffee trinke steigt ein appetitlicher Geruch in meine Nase. Voller Neugierde spicke ich hinter die Theke um die Ecke in die Küche und sehe, wie Omelettes frisch zubereitet werden. ?Mhmm.. Ein frisches Omelette wäre jetzt genau das richtige, darauf hätte ich richtig Lust?, sage ich laut, sodass mich die Bedienung hört und fragt: ?Wollen sie das Omelette nach Art des Hauses mit Käse und Schinken?? ? ?Gerne, bringen sie mir das?, antworte ich ohne nachzudenken. Es ist lange her, dass ich so gut gefrühstückt habe wie heute. ?Das macht dann vier Dollar und 78 Cent?, werde ich nett aufgefordert zu bezahlen. Der Bedienung gebe ich ohne zu zögern den 100-Dollar-Schein, den ich aus meiner rechten Hosentasche ziehe. Ein extra Trinkgeld gebe ich nicht und stopfe das Restgeld diesmal in meine linke Hosentasche. Kurz darauf trinke ich den Kaffee leer und verlasse den Laden. Kaum biege ich um die nächste Ecke, werde ich von einem jungen, kräftigen Typen in eine enge Gasse gezerrt. ?Hey Penner, gib mir dein Geld, sonst mache ich dich einen Kopf kürzer?, droht mir eine männliche Stimme und hält mir etwas scharfes an den Hals. ?Was willst du von mir? Ich habe kein Geld, schau mich doch an, wo soll ich es denn haben??, antworte ich kleinlaut. ?Nimm mich nicht auf den Arm! Das warst du gerade in der Waffelstation und hast fröhlich einen 100-Dollar-Schein aus der Tasche gezogen. Jetzt rück endlich das Geld raus! Ich werde ungeduldig!?, befiehlt mir die Stimme des Mannes, die sich inzwischen nervös und zittrig anhört. Das Messer presst er fester an meinen Hals, sodass ich kaum wage zu atmen. Ängstlich und mit starkem Herzklopfen wühle ich in meinen Taschen und gebe ihm das Geld. Der Dieb packt sie in sein Jackett und läuft schnell wieder in Richtung der nächsten Menschenansammlung. Überraschenderweise ist der Mann gut gekleidet und hat einen Hosenanzug in beige mit dunkler Krawatte und weißem Hemd an. Kurz darauf ist er nicht mehr zu sehen und ich lasse mich zwischen den Müllsäcken auf den Boden fallen. Erleichterung macht sich in mir breit. Zur Polizei brauch ich nicht zu gehen, da ich dort bereits registriert bin. Die würden wissen wollen, woher ich so viel Geld habe und glauben ich hätte es gestohlen. Ein Penner mit einem 100-Dollar-Schein! Ein 100-Dollar-Schein, der nun in dem Koffer fehlt! ?Verdammt, wie konnte das nur passieren!?, flüstere ich immer wieder vor mich her. Doch lange kann ich nicht überlegen, wie ich an $ 100 komme. Die Zeit wird langsam knapp. Zuerst gehe ich zurück ins Hotel, nehme den Koffer und vergewissere mich, dass das restliche Geld noch da ist. Mir wird es wieder unwohl bei dem Gedanken, dass etwas fehlt und werfe mir vor, wie ich nur in die Versuchung kommen konnte etwas davon auszugeben. Nachdem ich den Koffer wieder schließe, lege ich mich ins Bett und schlafe ein.

Es dürfte etwa 16 Uhr sein, als ich aufwache und gehe hinaus auf die Straße, um Pfandwertgut zusammenzusuchen, damit ich schnell wieder an das fehlende Geld komme. Ohne darauf zu achten, wie mich die Leute anschauen, wühle ich wie wild in den Mülleimern herum. Inzwischen dürfte es nach Mitternacht sein, und ich habe bereits acht Dollar aufgetrieben. Diese Sucherei ist sehr anstrengend und ich setze mich an eine Hauswand mitten in der Stadt. Ohne lange nachzudenken, lege ich eine Schale vor mich hin, in der Hoffnung, dass mir vorbeilaufende Menschen etwas reinwerfen. Sicherlich habe ich morgen früh einige Dollar mehr. Seither dürften einige Stunden vergangen sein, und die bisherige Ausbeute ist nicht erfolgreich. Nur einige Pence liegen darin. Inzwischen habe ich nur noch fünf Tage Zeit, das Geld aufzutreiben. 

Langsam fallen mir meine Augen zu und ich schlafe ein. Erst gegen 12 Uhr am Nachmittag wache ich wieder auf. Der Erste Blick fällt auf meine Geldschale. ?Hm, schlechte Ausbeute heute, nur vier Dollar und 68 Cent. Doch besser wie nichts?, denke ich mir. Ich nehme das Geld aus der Schale und packe es ebenfalls in meine linke Hosentasche, dann durchsuche ich mein Jackett nach der Codekarte. ?Verflucht, wo ist die Karte?, rufe ich laut, sodass sich einige Leute nach mir umdrehen. Normalerweise sollte sie doch in der linken Innentasche meines Jacketts sein, doch da ist sie nicht mehr. Die Innentasche ist leer, und es ist auch kein Loch darin. Die Karte ist verschwunden. Ich spüre, wie mein Herz anfängt schneller zu pochen und ein leichtes schwitzen überkommt mich. Mein Kopf wird langsam rot und ich habe das Gefühl ohnmächtig zu werden. Die rechte Innentasche wird nochmals überprüft, doch ohne Erfolg. Nervös klopfe ich an mir herum, in der Hoffnung die Karte zu finden. Fehlanzeige. Anschließend überlege ich, wo ich mich gestern überall herumgetrieben habe und laufe unruhig die Straße auf und ab. ?Vielleicht habe ich sie irgendwo hingelegt oder sie ist mir aus der Tasche gefallen?, denke ich mir. Aber ich muss handeln und fange an die Mülleimer von gestern erneut zu durchforsten. ?Die Karte kann überall sein und New York ist verdammt groß?, murmle ich. Einige erschwerliche Stunden später mache ich Rast, da mir meine Füße weh tun. ?Wenn ich ins Hotel zurück gehe, wollen die Leute an der Rezeption sicher wissen, auf welchen Namen das Zimmer reserviert ist und ich habe keinen Namen, verdammt! Also muss ich weitersuchen?, sage ich mir.

Nun suche ich bereits zwei Tage nach der Karte und das ohne Erfolg. Die Hoffnung meine Familie wiederzusehen erscheint mir hoffnungslos. An schlafen ist nicht zu denken, obwohl ich hundemüde bin. Dann begegnet mir auch noch Fred, auf den ich gerade recht wenig Lust habe. ?Mensch Alter, wie siehst du denn aus??, fragt mich Fred. ?Ach, habe kaum geschlafen, die letzten Nächte. Ich glaube ich werde krank?, antworte ich knapp um mich recht uninteressant zu machen. ?Du armer Kerl. Ich habe geschlafen wie ein König. Mir fehlt nur noch eine Krone?, fangt Fred an und ich kann mich kaum auf seine Worte konzentrieren, ?Das Bett in dem ich gelegen bin war frisch bezogen, das Kissen kuschelig weich und die Decke wollig warm. Das Bad leuchtete, wenn man rein ging. Und glaube mir, Kumpel, es ist ewig lange her, dass ich mich auf eine Toilette gesetzt habe. Das Gefühl ist unbeschreiblich!? Allmählich fühle ich mich gereizt von seinem Gerede. Doch was erzählt mir Fred da nur? Er hat wohl wieder eine schizophrene Phase. Als ich jedoch genauer hinhöre, ist es so als ob ich den Ort an dem er gewesen sein sollte kenne. Plötzlich bin ich mir sicher, dass er meine Karte hat. ?Zum Teufel Fred, du hast meine Zimmerkarte geklaut!?, schreie ich an. Daraufhin zuckt Fred zusammen und steht mit eingefallenen Schultern vor mir. ?Oh, stimmt. Sorry, Steve?, entschuldigt er sich knapp. ?Gib mir die verdammte Karte!?, gebe ich energisch von mir. ?Welche Karte??, fragt mich Fred stumpf. ?Na die Karte, die du mir geklaut hast. Die von dem Zimmer?, flüstere ich ihm wütend ins Ohr und gebe ihm dabei einen Klaps auf den Hinterkopf. ?Ach die, genau. Die habe ich in meinem Schuh versteckt, damit sie keiner findet?, lacht er mich an. Das ist Typisch Fred. ?Dann gib sie mir sofort zurück?, fordere ich ihn ungeduldig auf. Er zieht seinen Schuh aus und gibt mir die Zimmerkarte ohne Widerrede. Hastig stecke ich sie ein und bewege mich zielstrebig zum Hotel. Fred folgt mir mit einigen Schritten Abstand. Den werde ich sicher nicht los, also fordere ich ihn auf mit mir mitzukommen.

Als wir im Zimmer angekommen sind sage ich zu ihm: ?Hey Fred, kannst du etwas zu trinken besorgen? Hier um die Ecke ist ein Drugstore, die haben auch den billigen Schnaps.? Schnell drücke ich ihm ein paar Dollar in die Hand, um ihn loszuwerden. ?Gute Idee Steve, ich bin gleich zurück.? Kaum ist Fred aus der Türe, hole ich den Koffer unter dem Bett hervor und vergewissere mich, dass das Geld noch vorhanden ist. Zum Glück ist der Inhalt unberührt und noch alles drin. Einige Minuten später klopft es an der Tür. Das muss Fred sein. Ich mache den Koffer hastig zu und lasse ihn wieder unter das Bett verschwinden. Gemeinsam trinken wir den Schnaps und feiern bis tief in die Nacht.

Am nächsten Morgen ist Fred bereits weg, als ich aufwache. Der Koffer ist noch an seinem Platz und die Codekarte noch in meinem Jackett. Inzwischen sind es noch zwei Tage und mir fehlen $20. Jetzt muss ich mich aber ran halten und suche weiter im Müll, wie ich es die letzten Tage getan habe.  

Es ist soweit, Tag 0 ist gekommen. Heute werde ich meine Familie wieder sehen. Mir fehlen nur noch zwei Dollar, die nicht schwer zu beschaffen sein müssten und 6 Stunden liegen noch vor mir. Eine Hetzjagd um an das Geld zu kommen beginnt. Da fällt mir ein, dass mir Tracy noch ein Dollar und 50 Cent schuldet. Sie wohnt am Ende der Stadt. Als ich dort ankomme sind zwei Stunden vergangen. Tracy liegt auf ihrer Matratze in einer mir bekannten Seitenstraße und gibt mir ohne widerrede das Geld, als ich danach frage. Schnell mache ich mich auf den Weg Richtung Hotel, doch der Verkehr wird immer dichter, der Feierabendverkehr hat eingesetzt. Die Zeit verfliegt und es sind nur noch 50 Cent die mir fehlen. Eine Stunde, bis ich meine Familie wieder sehen werde. Kurz vor dem Hotel setze ich mich an eine Hauswand, lege meine Schale auf den Boden und warte ab. Es vergehen 30 Minuten und es liegen bisher 40 Cent darin. Schnell stehe ich auf, nehme das Geld und kann nicht mehr warten. Vorbeilaufende werden von mir angebettelt, ob sie mir zehn Cent geben können. Nach zehn Minuten bekomme ich endlich die fehlenden zehn Cent. Gegenüber des Hotels befindet sich eine Bank. Ich renne hinein um mein Kleingeld zu einem 100-Dollar-Schein umzuwechseln. Die Bankangestellte schaut mich mit einem bösen Blick an, da ich lauter kleine Münzen vor ihr auf den Tisch lege. Glücklicherweise hat sie eine Geldzählmaschine und kippt die ganzen Cent-Stücke hinein.

Nach acht Minuten gibt sie mir endlich den Schein und ich renne auf die Straße. Mühsam versuche ich auf die andere Seite zum Hotel zu gelangen, da die Autos rasant an mir vorbeifahren. Dennoch schaffe ich es und schaue auf die Uhr in der Eingangshalle. Nur noch wenige Minuten habe ich Zeit, um in das Zimmer zu gelangen. Gerade als ich die Zimmerkarte in das Schloss stecken will, höre ich im Raum ein Klingeln. Das muss für mich sein. Also öffne ich hastig die Tür, renne zum Bett und nehme das Mobiltelefon zur Hand, drücke die Taste und höre eine tiefe männliche sagen: ?Sie haben Glück, ich wollte gerade auflegen. Auf dem Bett vor ihnen liegt eine weitere Zimmerkarte. Dort befinden sich ihre Frau und ihre Tochter.? Das ist alles, was ich zu hören bekomme. Die 100-Dollar-Note lege ich noch in den Koffer, bevor ich die Karte nehme und in das Zimmer mit der angegebenen Nummer laufe.

Vor mir an der Tür steht ganz groß die Zahl 67. Einmal atme ich noch tief durch, bevor ich die Karte einschiebe und ein kurzes ?Klick? höre. Langsam schiebe ich die Türe auf und sehe meine Frau und meine Tochter auf dem Bett sitzen. Nach all den Jahren ist es wirklich wahr geworden. Meine Familie lebt! Zielstrebig gehe ich zu ihnen und nehme sie in den Arm. Die Zeit des Wartens hat ein Ende.

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