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Marny Staib Text Drucken E-Mail

1. Platz: ?Das Spiel des Lebens? von Marny Staib

Herr Rothermann ist freundlich zu mir. Und das, obwohl ich mit meinen kinderlosen achtunddreißig Jahren viel weniger zum Umsatz seines Spielwarenladens beitrage als früher. Als ich noch klein war, bin ich oft in diesem Geschäft gewesen. Meistens nur, um den Geruch der vielen Spielsachen einzuatmen und mich an ihnen satt zu sehen - aber manchmal natürlich auch, um dort etwas zu kaufen, wenn auch nur eine Kleinigkeit. All mein erspartes Taschengeld investierte ich bei Herrn Rothermann - und sehr viel Zeit. Nach und nach kannte ich sein Geschäft fast so gut wie mein eigenes Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin.

Die Spielsachen haben sich im Laufe der Jahre geändert, sind zeitgemäßer geworden. Auch die Angestellten sind nicht mehr dieselben, irgendwie riecht es sogar moderner. Geblieben ist, dass Herr Rothermann und ich uns verstehen, ohne viel sagen zu müssen. Das hat mit unserem Geheimnis zu tun, das auch in seinem Spielwarengeschäft verblieben ist. Und das kam so: 

Im kecken Alter von 11 Jahren besaß ich die Wunschvorstellung, mich über Nacht in einem Spielwarenladen einschließen zu lassen, und zwar genau im Rothermann?schen Paradies, wie ich es liebevoll nannte. Es war das größte Abenteuer, das mir zu diesem Zeitpunkt in den Sinn kam. Schon allein der Gedanke daran konnte bei mir eine Gänsehaut hervorrufen, weil ich es bildlich vor Augen sah: schummriges Licht, absolute Stille und ich allein in einem Schlaraffenland, bestehend aus Puppen, Kuscheltieren, Büchern und ach weiß ich nicht was. Für eine Nacht wollte ich eine zweite geheime Pippi Langstrumpf sein, die Welt so machen, wie sie mir gefiel und heckte einen Plan aus. Das tat ich für mich alleine ? keine meiner Freundinnen verfügte über den nötigen Mumm für diesen Nervenkitzel. Wenigstens erklärte sich Heike, meine damals beste Freundin, bereit, bei diesem gewagten Unterfangen mein Alibi zu sein, lediglich eine neue Barbie musste ich ihr für ihren Dienst versprechen. Meiner Mutter machte ich weis, dass ich bei Heike übernachten würde ? was ich öfter tat - und packte meine Sporttasche. Obwohl ich wusste, dass ich weder Pyjama noch Waschzeug oder Hausschuhe benötigen würde, stopfte ich alles in die Tasche. Es sollte echt aussehen und keinen Verdacht aufkommen lassen.

Um fünf ging ich los und brachte Heike meine Tasche vorbei. Wir stellten sie unter ihr Bett und sie stellte sich dumm, als ich kurz darauf zu Herrn Rothermanns Spielwarengeschäft aufbrach - das war die Abmachung. Mein Timing war perfekt. Es sollte noch 15 Minuten dauern, bis der Laden schießen würde und ich hätte ausreichend Zeit, meinen Aussichtsplatz einzunehmen. Der Zufall wollte es, dass zeitgleich mit mir eine dicke Frau mit Mantel das Geschäft betrat. Sie bot mir die perfekte Deckung, ich schob mich spielerisch in das Rothermann?sche Paradies und schlängelte mich wie durchsichtig durch die Regale.

In der 2. Etage des Ladens gab es eine Ausstellung an Freizeitartikeln, so auch dieses kleine blaue Zelt. Erfahrungsgemäß war um diese Uhrzeit nichts in diesem Bereich los, und das war auch heute nicht anders. Es schien schon fast zu einfach, in meinen Unterschlupf zu kriechen, obwohl es mir vorkam, als ob ich mich in Zeitlupe bewegte. Da saß ich nun, angespannt bis in die Zehen, mit feuchten Handflächen, leichtem Ziehen in der Bauchgegend, aber vor allem mit der inständigen Hoffnung, unentdeckt zu bleiben.

Frau Weiß, eine von Herrn Rothermanns Verkäuferinnen, machte über Lautsprecher ihre abendliche Aufforderung zum Gehen. Sie hatte eine wohlklingende Stimme und hörte sich wie eine Nachrichtensprecherin an. Ihre Ansage kannte ich auswendig und bewegte stumm meine Lippen zu ihren säuselnden Worten.  

Die Geräusche im Laden wurden weniger, die Hintergrundmusik wurde abgeschaltet. Jemand in Klackerschuhen kam von der dritten Etage in das zweite Stockwerk, stöckelte ein wenig umher und blieb stehen. Ich hielt die Luft an und schloss die Augen. Mir war schlecht, und ich presste meine Arme um meine angezogenen Knie, als ob man einen Preis dafür kriegen würde. Dann setzten die Absätze sich wieder in Bewegung und nahmen die Treppe hinunter ins erste Stockwerk. Vor meinem geistigen Auge sah ich Frau Weiß mit ihrem großen wippenden Busen. Ich war sicher, dass man in der Etage unter mir mein Herz hören müsste, wie es auf den Teppich fiel. Auf jeden Fall war ich erleichtert und wurde gleichzeitig zunehmend ungeduldiger, wann meine Entdeckungsreise im Wunderland beginnen konnte. Ich biss auf meinen Fingern herum, während ich wartete, bis der Kassenabschluss fertig war.

Da mein Vater ein Schmuckgeschäft besaß und Mama und ich ihn dort schon abgeholt hatten, wusste ich, dass man jeden Abend Geld zählen und Zahlen in ein Buch eintragen musste. So etwas machte sicher auch Herr Rothermann. In meinen Augen brauchte er dazu eine kleine Ewigkeit. Je länger es dauerte, desto kürzer wurden meine Nägel. Die Minuten zogen sich wie ein alter Kaugummi und wieder wurde ich nervös.

Dann ging das Licht plötzlich aus und die Nachbeleuchtung wurde angeschaltet. Es war absolut ruhig um mich, und ich hörte den Schlüssel in der Ladentür. ?Fertig?, dachte ich, ?Gott sei Dank ist er fertig?. Noch wagte ich es nicht, meinen Stützpunkt zu verlassen. Die Hitze wallte in mir, doch ich saß starr wie ein Eisblock in meinem arktisfarbenen Iglu ? kein bisschen cool.

Vielleicht hatte Herr Rothermann noch etwas im Laden liegen gelassen und würde zurückkommen; meinem Vater war das schon häufiger passiert. Zum Zeitvertreib stellte ich in Gedanken eine Reihenfolge der Dinge auf, mit denen ich spielen wollte. Am Ende angekommen, verwarf ich meine Strategie jedes Mal und beschloss schließlich, mich allein durch den Anblick leiten zu lassen.

Es blieb still im Laden und so entschied ich nach weiteren endlos scheinenden Minuten, dass der Zeitpunkt jetzt gekommen sei. Ich fühlte mich sicher und verließ mein Versteck. Der Schmerz in meinen Knien wich dem Stolz und der unendlichen Freude in mir. War ich nicht eine Heldin? Wer konnte in meinem Alter schon behaupten, dass ein ganzer Spielzeugladen über Nacht seins war? Pippi Langstrumpf hätte mir anerkennend auf die Schulter geklopft, davon war ich überzeugt.

Behutsam schlich ich die Stufen zur ersten Etage herunter. Von der Wand neben der Treppe blickten mich bunte Hampelmänner stumm an. Auch sie rappelten nicht wie tagsüber, wenn Kinder an ihnen herumzogen und von der blondgelockten Frau Weiß mit strafendem Blick geradegerückt wurden. Brav und lautlos hingen sie dort und machten gute Miene zum bösen Spiel.

Im ersten Stockwerk angekommen, tappte ich an der großen Vitrine mit den Matchbox-Autos vorbei, widmete der Carrera-Bahn einen kurzen gönnerhaften Blick und berührte mit meinen Fingern vorsichtig die Ritterburg, die auf dem Tisch nebenan stand. Schadenfroh dachte ich an Max, meinen jüngeren Bruder. Was würde er wohl darum geben, jetzt an meiner Stelle zu sein! Ich sog diese Genugtuung hörbar durch meine Nasenflügel und ein schadenfrohes Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus.  

Schließlich gelangte ich in den für mich interessantesten Bereich des Geschäfts: hier befanden sich eine Unzahl an Puppen und Stofftieren ? ganz große, große, mittelgroße und natürlich auch weniger große. Ich liebte sie alle. Den meisten von ihnen hatte ich bei meinen Vorinspektionen gedanklich bereits Namen gegeben. Nun wurde es Zeit, meine Fantasie auszuleben. Endlich!

Ich steuerte auf mein Lieblingsregal zu und schloss Nele, eine traumhaft schöne Puppe in einem glitzernden Tüllkleid, braunen Locken und riesigen Schlafaugen, in meine Arme. Auch ich wollte meine Augen schließen, um diesen Triumph in mich aufzusaugen, da bemerkte ich es. 

Es war ein Lichtschein, der nicht zur Nachtbeleuchtung gehörte. Er kam unter der Tür hervor, die zum Büro von Herrn Rothermann führte. Ich kannte das Zimmer, weil Herr Rothermann immer dorthin ging, wenn er für Leute Spielsachen bestellen musste, die es gerade nicht in seinem Laden gab. Man konnte dort hineinspähen, wenn er vergessen hatte, die Tür zu schließen: ein kleiner unaufgeräumter Raum mit vielen Zetteln und einem langweiligen hölzernen Schreibtisch in der Mitte. Aber wer interessierte sich, jetzt nach Ladenschluss, für nicht verfügbare Spielsachen?  

Ich konnte nicht anders, als Nele in das Regal zurückzusetzen und mich dem Lichtschein zu nähern. Er zog mich an wie ein Magnet, obwohl mir der Schock im Nacken saß und ich innerlich bebte. Neben dem Angstschweiß glitzerte die blanke Panik durch meine Poren. Konnte es noch spannender werden? Nur einen Wimpernschlag entfernt von meiner Entdeckung drückten meine Finger die Klinke herunter und ich öffnete langsam die Tür. Zum Glück quietschte sie nicht. Hätte sie es getan, wäre es jedoch kaum aufgefallen bei den Geräuschen, die zu vernehmen waren.

Es hörte sich an wie jemand, der nach einem Sprint japsend am Ziel ankommt. Es musste wohl ein sehr anstrengender Sprint gewesen sein. Gleichzeitig war offenbar eine Frau mitgelaufen. Zumindest machte ich das an einem wohlklingenden Seufzer fest. Und dann entdeckte ich sie im Neonlicht. Die Läufer hießen Herr Rothermann und Frau Weiß und lagen übereinander auf dem Schreibtisch. Nie werde ich ihre verschwitzten Gesichter vergessen, als sie mich bemerkten und ansahen. Gleichsam ihren Körpern hatten sie das nackte Entsetzen in ihrem Blick. Unwillkürlich färbten ihre Namen ihre Köpfe: Ein roter Mann und eine weiße Frau starrten mich an. Erschrocken schnappte ich nach der süßen Schwere der hitzigen Raumluft.

Mir wurde heiß und kalt. Sofort drehte ich mich um und rannte aus dem stickigen Zimmer, zurück in die Kühle der Nachtbeleuchtung. Ich blieb neben Nele stehen, steif wie ein Stock und glaubte, das Blut durch meine Adern rauschen zu hören. Einmal mehr rang ich nach Luft und hätte mich gerne schleunigst an einen anderen Ort gewünscht.

Ich wusste von Heike, dass verheiratete Menschen solche Dinge taten, obwohl mein Vater beim Fernsehen immer gleich umschaltete und sich räusperte, wenn Leute wenig anhatten. Herr Rothermann war verheiratet ? allerdings nicht mit Frau Weiß. Beide hatten tatsächlich sehr wenig an ? doch weiterknipsen konnte man nicht. Ich war fassungslos.

Die Tür ging wieder auf, diesmal schlagartig, und krachte an die Wand. Ich zuckte zusammen. Den letzten Knopf an seinem Hemd über dem dicken Bauch schließend kam Herr Rothermann auf mich zu. Nie habe ich ihn verstruwwelter gesehen als in diesem Moment. Obwohl ich schockiert über das eben Gesehene war und immer kleiner wurde, musste ich fast grinsen bei dem Anblick. Aber dann blieb er direkt vor mir stehen und polterte los, dass mir das Lachen verging. Es war laut und schnell und unverständlich für mich, was aus ihm heraussprudelte, wie in einem verzerrten Comic. Noch immer stand ich bewegungslos da, kaum in der Lage zu atmen und ließ den Donner über mich ergehen.

Als das Gewitter sich verzogen hatte, setzte Herr Rothermann sich auf den Tresen, blickte auf den Boden und dann, irgendwie traurig, in mein Gesicht. Eigentlich hatte er schlechte Karten und kein Ass mehr im Ärmel. Er schnaufte tief. ?Können wir etwas vereinbaren?? fragte er ruhig. ?Was?? fragte ich heiser zurück. ?Wir haben beide etwas getan, das sich nicht gehört, und das wissen wir? sagte er langsam. ?Du hast hier nichts zu suchen und ich eigentlich auch nicht. Wenn du möchtest, lade dich ein, mit all meinen Spielsachen zu spielen und dir das Schönste auszusuchen. Wenn du müde wirst, legst du dich einfach ins Prinzessinnenbett, oben im dritten Stockwerk, das kennst du sicherlich. Morgen werde ich der erste sein, der den Laden betritt. Ich schicke dich dann nach Hause, und unser Geheimnis lassen wir hier im Geschäft. Wir werden mit niemandem darüber sprechen, abgemacht?? Er reichte mir seine Hand und ich legte meine hinein.  

?Abgemacht? entgegnete ich erleichtert, fasste mir Nele und dann ? kurz darauf - das Herz, noch eine letzte Frage zu stellen ?Herr Rothermann?? begann ich vorsichtig. ?Ja, was gibt es noch?? antwortete er müde. ?Was machen Sie jetzt mit Frau Weiß?? Herr Rothermann überlegte eine Weile, dann entgegnete er matt: ?Die Würfel sind gefallen: Ich werde ihr einen Abschiedskuss geben, einen letzten, weil ich kein Spiel mehr spielen möchte. Ich werde aussetzen und mir in der Spielpause Gedanken darüber machen müssen, wie ich weiterziehe. Das ist alles, was ich dazu sagen kann?. Dann ging er und hinterließ mir noch die Käsesemmel seiner Frau für den Fall, dass ich Hunger bekäme: Brot und Spiele, wenn man so will.

Unnötig zu erwähnen, dass ich in dieser Nacht kaum ein Auge zutat. Obgleich ich bereits eine Wahrheit herausgefunden hatte, gab es in Herrn Rothermanns Geschäft noch jede Menge zu beäugen und erforschen. So wurde ich schließlich doch noch zu ?Alice im Wunderland?.

An diese Nacht des Glücksspiels werde ich mich immer erinnern. Sie haftet wie ?Konrad?s Spezialkleber? meiner Heldin Pippi Langstrumpf an mir. Und das nicht nur, weil Nele noch heute ein Regal in meiner Wohnung ziert und Heike ihren Barbie-Obolus erhielt, mit dem heute ihre kleine Tochter spielt: meine kleine Flucht aus dem Alltag hatte jemandem verholfen, genau dahin zurückzukehren, das wurde mir später klar. Übrigens hat in all den Jahren kein Mensch von dem Geheimnis zwischen Herrn Rothermann und mir erfahren.

?Kann ich behilflich sein? fragt Herr Rothermann mich freundlich, als ich mich in seinem Laden umsehe. Älter geworden ist er, noch beleibter als früher, die spärlichen grauen Haare stehen ein wenig borstig vom seinem runden Kopf ab. Herr Rothermann lächelt, und ich lächle zurück. ?Das ?Spiel des Lebens? hätte ich gerne für meinen Neffen gekauft? entgegne ich. ?Oh, das ?Spiel des Lebens? wiederholt Herr Rothermann und zieht bübisch eine seiner buschigen Augebrauen hoch. Er macht eine kurze Pause und erklärt dann: ?Ich habe es eine zeitlang nicht geführt, weil ich ?Risiko? lieber mochte. Jetzt habe ich es wieder auf Lager. Einen kleinen Augenblick, bitte?.

Herr Rothermann verschwindet hinter der mir bekannten Tür und kommt kurz darauf mit der Ware zurück. ?Das ist es? sagte er leicht schnaufend, reicht mir den bunten Karton über den Tresen und fügt schmunzelnd hinzu ?geht auf?s Haus - und danke, dass du mich damals auf den Spielplan aufmerksam gemacht hast.?

Zur Vita Marny Staib

 


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